Plakat der FIFA WM 2010 in Südafrika. Bild: picture-alliance/dpa

Weltmeister

Spanien

Stern
Flagge Spanien
Weltmeister Spanien. Bild: picture-alliance/dpa

Deutsches Wintermärchen ohne Happy End

Bei der ersten WM auf dem afrikanischen Kontinent eroberte die deutsche Mannschaft nicht nur die Herzen ihrer eigenen Fans. Auch wenn es wie schon 2006 nicht zum großen Wurf, sondern nur zu Platz drei reichte, feierte die Welt Joachim Löws Auswahl für ihren lustvoll zelebrierten Offensivfußball.

Sogar die Staatsspitze zog - zumindest verbal - das Fantrikot an. "Die Mannschaft hat ein hervorragendes Bild von Deutschland abgegeben", jauchzte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bundespräsident Christian Wulff sah die Nationalmannschaft als "besten Botschafter im Sinne unseres Landes in der Welt". Auch ohne Titelgewinn hatte das Team von Bundestrainer Joachim Löw im südafrikanischen Winter ein sportlich weltmeisterliches Turnier abgeliefert und als geschlossene Einheit auch abseits des Spielfelds viele Sympathien gewonnen.

Mit Holland die Rolle getauscht

16 Treffer erzielte die DFB-Auswahl, mehr als jedes andere WM-Team. Sie beging die wenigsten Fouls, gewann die meisten Zweikämpfe. Sie kam nach Ballgewinn am schnellsten zum Abschluss und hatte nach Weltmeister Spanien mit 1,1 Sekunden die kürzesten Ballkontaktzeiten. Kapitän Philipp Lahm befand schon während des Turniers: "Das ist die stärkste Nationalmannschaft, in der ich bisher gespielt habe." Der holländische Journalist Laurens Boven von Radio Nederland wurde gar neidisch angesichts der neuen deutschen Fußball-Ästhetik: "Man hat in Holland wie in Deutschland den Eindruck, dass die holländische und deutsche Mannschaft dieses Mal die Rollen getauscht haben." Die Niederlande wurden in Südafrika zwar zum dritten Mal in ihrer Geschichte Vize-Weltmeister, allerdings mit dem Makel, ihre offensive Spielkultur früherer Jahre einem ergebnisorientierten Zweckfußball geopfert zu haben.

Bizarres Verletzungspech

Das jüngste deutsche WM-Team seit 1934 zerstörte das scheinbar unzerstörbare Klischee vom deutschen Zerstörer-Fußball. Gerührt registrierte der Bundestrainer, dass seine WM-Akteure "nicht nur miteinander" gespielt hätten, "sondern füreinander". Dabei stand das Turnier für die deutsche Auswahl im Vorfeld unter einem denkbar schlechten Stern. Die Löw-Truppe wurde von einem schon bizarr anmutenden Verletzungspech heimgesucht.

Schock nach Ballack-Aus

Einem nationalen Schock kam das WM-Aus von Michael Ballack gleich. Der Ghanaer Kevin-Prince Boateng hatte den "Capitano", damals noch in Diensten des FC Chelsea, im englischen Cup-Finale brutal gefoult. Auch Simon Rolfes, René Adler, Christian Träsch und Heiko Westermann mussten verletzungsbedingt passen. Der Bundestrainer haderte nicht: Bei der Regeneration auf Sizilien und während der zweiwöchigen WM-Vorbereitung in Südtirol kreierte er ohne Big Boss Ballack ein Team mit einer flachen Hierarchie. Er machte Lahm zum Kapitän, rief Bastian Schweinsteiger zum "emotionalen Leader" aus. Löw hatte das richtige Fingerspitzengefühl, auch im Umgang mit Lukas Podolski und Miroslav Klose. Obwohl beide eine grauenhafte Liga-Saison hinter sich hatten, hielt der Bundestrainer trotz öffentlicher Proteste an seinen Sorgenkindern fest. Zu Recht, wie sich zeigen sollte: Klose wurde dank vier Treffern sogar zum zweitbesten WM-Torschützen aller Zeiten, gleichauf mit Gerd Müller (je 14 Tore) hinter dem Brasilianer Ronaldo (15).

Gänsehaut und Tränen

"Wenn ich sehe, was alles passiert ist, von Sizilien über Südtirol nach Südafrika, dann bekomme ich immer wieder eine Gänsehaut und manchmal schießen mir sogar Tränen in die Augen", wird der Bundestrainer noch Monate nach dem Turnier sagen. Beim deutschen Vorrunden-Auftakt wurde Australien 4:0 zerlegt, ausgerechnet Podolski und Klose erzielten die ersten beiden Treffer. Beim 0:1-Rückschlag gegen Serbien verschoss Podolski einen Elfmeter und Klose flog vom Platz: Dennoch war die deutsche Mannschaft das bessere Team. Im Vorrunden-Endspiel gegen Ghana erzielte Özil, Mann für die magischen Momente, das Tor des Tages zum 1:0.

In Spanien den Meister gefunden

Für immer abgespeichert bleiben im kollektiven deutschen Fußball-Gedächtnis das 4:1 im Achtelfinale gegen England und das 4:0 gegen Argentinien im Viertelfinale. Trotz des nicht gegebenen "Wembley-Tors" von Frank Lampard beim Stand von 2:1 erkannten die Briten die deutsche Überlegenheit fair an. Die Demontage der Gauchos, bei der Arne Friedrich sein erstes Länderspieltor gelang, wertete Löw als "unser bestes Spiel": "Diese Mannschaft mit 4:0 zu deklassieren, das war schon top." Erst im Halbfinale fand die deutsche Elf ihren Meister: 0:1 hieß es am Ende gegen die besser organisierten Spanier wie schon im Finale bei der Euro 2008. Löw bilanzierte realistisch: "Die Spanier haben uns mit ihrer Ball- und Passsicherheit den Nerv gezogen. Wir hatten nicht den Mut, uns bei Ballgewinnen selbst schnell zu lösen und auch mal ein Risiko einzugehen." Die DFB-Auswahl wird schließlich dank eines 3:2 gegen das Überraschungsteam aus Uruguay WM-Dritter. Die deutschen Sportjournalisten kürten Schweinsteiger & Co. später zur Mannschaft des Jahres, Bundespräsident Wulff verlieh den Spielern das Silberne Lorbeerblatt und dem Bundestrainer das Bundesverdienstkreuz.

Südafrikaner mit neuem Wir-Gefühl

Obwohl Südafrika als erster WM-Gastgeber überhaupt schon in der Vorrunde scheiterte, war die WM für das zerrissene Land ein Erfolg. "Wir haben vor allem gewonnen, weil wir endlich von einem 'Wir' sprechen konnten", bilanzierte der südafrikanische Schriftsteller Mark Gevisser. Das Turnier einte die Regenbogen-Nation mit ihren vielen ethnischen Gruppen. Alle feierten gemeinsam ihre "Bafana Bafana". Schon zwei Tage vor Anpfiff des Turniers säumten rund 200.000 südafrikanische Fans die Straßen Johannesburgs. Sie kletterten auf Bäume, Autos und Hausdächer, sorgten mit ihren Vuvuzelas für ohrenbetäubenden Lärm und feierten ihre Mannschaft, die in einem Doppeldecker-Bus an ihnen vorbeizog. Sportlich war für die Südafrikaner nach einem 1:1 im WM-Eröffnungsspiel gegen Mexiko, dem 0:3 gegen Uruguay und trotz des abschließenden 2:1 über Frankreich nach der Vorrunde Schluss. Das schlechtere Torverhältnis gegenüber Mexiko gab den Ausschlag. Trainer Carlos Alberto Perreira trat anschließend von seinem Posten zurück.

Ghana erstmals im Viertelfinale

Von allen afrikanischen Teams am weitesten kam Ghana, das es erstmals in seiner Geschichte bis ins WM-Viertelfinale schaffte. Nach einer dramatischen Partie inklusive Verlängerung bezwang Uruguay die Black Stars 4:2 im Elfmeterschießen. Danach versanken die Ghanaer in einem Meer von Tränen. Denn bei der letzten Aktion vor dem Elfmeterschießen hatte Asamoah Gyan einen Handelfmeter an die Latte gesetzt. Luis Suarez hatte den Ball zuvor auf der Linie im Stile eines Torhüters abgewehrt und sah dafür die Rote Karte. "So ist Fußball", resümierte Ghanas serbischer Trainer Milovan Rajevac bitter.

"Verantwortungslose kleine Gören"

Frankreichs Fußball erlebte eine Demütigung historischen Ausmaßes . Dabei waren die Franzosen selbst ihr ärgster Feind. Die Tageszeitung "Le Figaro" sprach von einem "unerträglichen Leidensweg für die Fans, denen nichts erspart geblieben" sei. Das peinliche Vorrunden-Aus nach einem 0:0 gegen Uruguay, 0:2 gegen Mexiko und 1:2 gegen Südafrika geriet ob der skandalösen Begleitumstände fast zur Nebensache. Nach obszönen Beschimpfungen gegen den ungeliebten Trainer Raymond Domenech wurde Stürmer Nicolas Anelka nach Hause geschickt. Die Mannschaft verweigerte daraufhin ein öffentliches Training. Delegationsleiter Jean-Louis Valentin war "angewidert" und trat zurück. Die Krise des französischen Fußballs weitete sich zur Staatsaffäre aus. Präsident Nicolas Sarkozy bestellte Kapitän Thierry Henry nach der Heimkehr des Teams zum Rapport. Anelka wurde für 18 Länderspiele gesperrt, Kapitän Patrice Evra für fünf und sein Vize Franck Ribéry für drei. Der geschasste Coach Domenech kartete noch ein halbes Jahr später nach: "Im Nachhinein sehe ich diese Mannschaft als eine Gruppe von verantwortungslosen kleinen Gören".

Italienisches Desaster

Ein schlimmes Desaster hatten auch die Italiener zu verkraften. Der Titelverteidiger scheiterte erstmals seit 1974 in der Vorrunde. Zwei Unentschieden und eine Niederlage in drei Gruppenspielen bedeuteten die miserabelste Bilanz Italiens bei einem Weltturnier. Zum überhaupt ersten Mal gewann die "Squaddra Azzurra" bei einer WM kein einziges Mal und schied als Tabellenletzter aus. Gleich nach dem 2:3 gegen die Slowakei verkündete Nationaltrainer Marcello Lippi seinen Rücktritt Seiner Favoritenrolle wurde auch Brasilien nicht gerecht. Die Südamerikaner spielten ein Turnier ohne echte Glanzlichter, scheiterten im Viertelfinale 1:2 an den Niederlanden. Für ein Kuriosum sorgten die Neuseeländer: Sie schieden als einzige Mannschaft nach der Vorrunde ungeschlagen aus.

Finale sportlich enttäuschend

Das große - sportlich enttäuschende - Finale bestritten Europameister Spanien und Holland. Nach 116 Minuten brachte Andres Iniesta den Ball im Tor der Niederländer unter, erzielte somit das späteste Siegtor aller Zeiten in einem WM-Finale. Die Spanier waren auch das erste Team, das trotz einer Niederlage im Auftaktspiel (0:1 gegen die Schweiz) Weltmeister wurde. Sie markierten dabei auch nur acht Tore, weniger als jeder Titelträger zuvor.

Nelson Mandela: "It was good"

Überhaupt setzte die WM 2010 in Sachen Trefferquote einen Negativtrend fort. Nur 145 Treffer wurden erzielt. Das war die niedrigste Ausbeute aller Weltmeisterschaften, selbst in Deutschland 2006 waren es noch zwei mehr gewesen. Doch die WM 2010 geht - trotz des für europäische Ohren zuweilen nervtötenden Vuvuzela-Lärms - als eine der fröhlichsten aller Zeiten in die Geschichte ein. Südafrikas Nationalikone Nelson Mandela drückte es nach dem Endspiel gegenüber FIFA-Präsident Joseph Blatter in aller Bescheidenheit so aus: "Sepp, it was good." Er hätte auch einfach "Ayoba" sagen können, jenes Wort, mit dem die Südafrikaner größtmögliche Zustimmung bekunden.

Frank Menke

Diego Forlán

Star des Turniers

Diego Forlán

Der blonde Engel mit dem Hammerschuss. Diego Forlán ist ohne jeden Zweifel eine Ausnahmeerscheinung - auf dem Platz und jenseits des Fußballs. [mehr]

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Thomas Müller

Torschützenkönig

Thomas Müller

Vor der WM wollte ihn Diego Maradona bei einer Pressekonferenz noch vom Podium schicken, weil er ihn nicht kannte. Das wird Thomas Müller in naher Zukunft nicht mehr passieren. Ein junger Stürmer mit großem Namen. [mehr]

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Fan-Söldner für Nordkorea

Nordkoreas Diktator Kim Jong-II gewährt seinem Volk keine Reisefreiheit - auch nicht zur Fußball-WM in Südafrika. Dennoch war es der Wille des "geliebten Führers", dass die Nationalmannschaft vor Ort bejubelt werden sollte. So verfiel man auf die bizarre Idee, Fan-Söldner zu engagieren. 1.000 Tickets verschenkte das nationale Sportkomitee im Nachbarland China. Bedingung: Die eingekauften Anhänger mussten Nordkorea bedingungslos anfeuern. Die Karten fanden reißenden Absatz, was aber nichts am Ausscheiden des Teams schon nach der Vorrunde änderte.

:: Die Finalrunde 2010 ::

Finale
Mannschaft1 Mannschaft2 Ergebnis
Quelle: sport.ard.de
Flagge NiederlandeNiederlande gegen Flagge SpanienSpanien 0 : 1
Spiel um Platz 3
Mannschaft1 Mannschaft2 Ergebnis
Quelle: sport.ard.de
Flagge UruguayUruguay gegen Flagge DeutschlandDeutschland 2 : 3
Halbfinale
Mannschaft1 Mannschaft2 Ergebnis
Quelle: sport.ard.de
Flagge DeutschlandDeutschland gegen Flagge SpanienSpanien 0 : 1
Flagge UruguayUruguay gegen Flagge NiederlandeNiederlande 2 : 3
Viertelfinale
Mannschaft1 Mannschaft2 Ergebnis
Quelle: sport.ard.de
Flagge ParaguayParaguay gegen Flagge SpanienSpanien 0 : 1
Flagge ArgentinienArgentinien gegen Flagge DeutschlandDeutschland 0 : 4
Flagge UruguayUruguay gegen Flagge GhanaGhana 5 : 3
Flagge NiederlandeNiederlande gegen Flagge BrasilienBrasilien 2 : 1
Achtelfinale
Mannschaft1 Mannschaft2 Ergebnis
Quelle: sport.ard.de
Flagge SpanienSpanien gegen Flagge PortugalPortugal 1 : 0
Flagge ParaguayParaguay gegen Flagge JapanJapan 5 : 3
Flagge BrasilienBrasilien gegen Flagge ChileChile 3 : 0
Flagge NiederlandeNiederlande gegen Flagge SlowakeiSlowakei 2 : 1
Flagge ArgentinienArgentinien gegen Flagge MexikoMexiko 3 : 1
Flagge DeutschlandDeutschland gegen Flagge EnglandEngland 4 : 1
Flagge USAUSA gegen Flagge GhanaGhana 1 : 2
Flagge UruguayUruguay gegen Flagge SüdkoreaSüdkorea 2 : 1

Den ganzen Turnierverlauf zeigen

Die WM 2010 in Zahlen
Spiele64
Tore gesamt143
Toreschnitt2.2
Platzverweise17
Zuschauer gesamt3.167.984
Zuschauerschnitt49.499
Stadien10
Zakumi, das offizielle Maskottchen der WM 2010. Bild: ARD.de

"Zakumi", das offizielle Maskottchen der WM 2010