Nejedly

Tormaschine auf Glasknochen

Laut FIFA muss sich der Tscheche Oldrich Nejedly die WM-Torjägerkrone 1934 mit dem Deutschen Edmund Conen und dem Italiener Angelo Schiavo teilen. Viele andere Quellen rechnen aber ihm und nicht seinem Mannschaftskollegen Rudolf Krcil das zweite Tor im Halbfinale gegen Deutschland an. Demzufolge wäre der "Mann mit den Glasknochen" mit fünf Treffern alleiniger Torschützenkönig.

"Ein Stürmer muss dahin gehen, wo es wehtut", besagt so eine Fußballweisheit. Das ist genauso wahr wie eben auch falsch. Denn dass sich die Verteidigerreihen in den 1930er-Jahren ausgerechnet vor einem Spieler fürchteten, der quasi auf jedes Tackling, jeden Körpereinsatz verzichtete, mutet heutzutage schon etwas seltsam an. Aber Oldrich Nejedly blieb nichts anderes übrig, als aus seiner Not eine Tugend zu machen.

Jeder Zweikampf ein Risiko

Seine Not war sein schwacher Körperbau. Nejedly war nur 1,74 Meter groß und mit 74 Kilo eher ein Fliegengewicht. Sein größtes Handicap aber waren seine porösen Knochen, wahre Glasknochen. Jeder Zweikampf bedeutete für den Tschechen ein nicht abzuschätzendes Verletzungsrisiko. Das wusste Nejedly selbst auch - und zog die Konsequenzen. Statt das Duell Mann gegen Mann zu suchen, setzte er auf seine brillante Technik und Ballbehandlung, auf sein kluges Stellungsspiel, seine perfekte Körperbeherrschung und seinen Torriecher.

Im Finale alle Chancen ausgelassen

In 421 Spielen für Sparta Prag schoss er 391 Tore, in 44 Länderspielen erzielte er 29 Treffer. Drei (oder laut FIFA eben nur zwei) davon hatte er im WM-Halbfinale beim 3:1 über Deutschland erzielt, zwei allerdings dank mildtätiger Unterstützung des deutschen Keepers Kress.

Ausgerechnet im Finale gegen Italien konnte Nejedly seine Stärken nicht abrufen. Die besten Chancen ließ er aus. Am Ende kam es, wie es in solchen Fällen immer kommt: Die Tschechen trauerten den ausgelassenen Möglichkeiten nach und verloren 1:2, obwohl sie überlegen waren.

Sparta-Stars mobbten den Provinzler

Trotz seines körperlichen Handicaps wusste sich Nejedly durchzusetzen. Als er zu Sparta Prag wechselte, hatte er die Platzhirsche gegen sich. "Die eingesessenen Sparta-Stars hatten nämlich keine Lust, sich von einem kickenden Provinzler aus der Mannschaft drängen zu lassen und schnitten Oldrich so, dass er am liebsten wieder nach Hause gegangen wäre", schreibt Karl-Heinz Huba in seiner "Fußball-Weltgeschichte". Nejedlys Leistungen sorgten für den Stimmungsumschwung - und ein Machtwort des Trainers.

Zweiter Beinbruch das Karriereende

Nejedlys Karriereende bahnte sich bei der WM 1938 an. Im berühmten ersten Viertelfinalspiel (1:1 n.V.) gegen Brasilien gelang ihm noch ein Tor, doch er stand schon im Schatten des neuen brasilianischen Wunderstürmers Leonidas. Im zweiten Spiel, das die Tschechen 1:2 verloren, versuchte er wieder "sein" Tor zu machen und ging fatalerweise in die Zweikämpfe.

Ergebnis: Er brach sich ein Bein. Bis 1955 kickte er noch für seinen Heimatverein Zebrak, ehe ein zweiter Beinbruch seine Laufbahn mit 48 Jahren endgültig beendete.

Frank Menke

Oldrich Nejedly 1937 in Prag. Foto: dpa

Oldrich Nejedly 1937 in Prag

Zur Person

Name:
Oldrich Nejedly
Geboren:
25.12.1909 im tschechischen Zebrak
Gestorben:
11.06.1990

Karriere-Highlights

  • Vizeweltmeister und WM-Torschützenkönig 1934
  • 4 Mal tschechischer Meister