Eusébio

Der König ohne Reich

Eusébio war der Superstar der WM 1966 und mit neun Treffern auch Torschützenkönig. Er führte Benfica Lissabon in den 1960er Jahren an die europäische Spitze, gewann mit seinem Verein elf Mal die portugiesische Meisterschaft. Sein Pech war, dass er Afrikaner war - und Benficas Vereinsbosse ihn quasi wie einen Leibeigenen behandelten.

WM 1966: Im Viertelfinalspiel Portugal gegen Südkorea führen die Asiaten 3:0. Dann schlägt Eusébios Stunde. Mit vier Treffern zum 5:3-Endstand kippt er das Spiel fast im Alleingang. In Anspielung an Pelé, der ausgerechnet von den Portugiesen zusammengetreten worden und mit Brasilien in der Vorrunde ausgeschieden war, titeln die Zeitungen: "Der König ist tot, es lebe der König!" Etwas voreilig. Die WM in England blieb Eusébios einziges großes Turnier, auch wenn er in 64 Länderspielen 42 Tore erzielte.

Real Madrid abgeschossen

Eine Eintagsfliege war er aber nicht. "Vor ihm haben die besten Torhüter der Welt gezittert", sagt Franz Beckenbauer. In Eusébios Ägide holte Benfica elf Mal den nationalen Titel, wurde drei Mal Vizemeister, fünf Mal Pokalsieger. Der große Durchbruch gelang ihm am 2. Mai 1962, als er im Finale des Europapokals der Landesmeister beim 5:3 über den fünffachen Champion Real Madrid die beiden entscheidenden Treffer erzielte. Drei weitere Male stand er im Endspiel, gewann davon aber keines mehr.

Feuerstreif über dem Spielfeld

Eusébio Ferreira da Silva wurde in Maputo in der ehemaligen portugiesischen Kolonie Mosambik geboren und lernte das Fußballspiel "barfuß mit einem Ball aus zusammengeflickten Lumpen". 1960 wurden Benficas Talentsucher auf ihn aufmerksam und verpflichteten ihn. Eineinhalb Jahrzehnte führte er den Klub von Erfolg zu Erfolg. In unverwechselbarer Manier: "Eusébios Tore, das sind Explosionen, Hammerschläge. Wenn er einen Alleingang vollzieht, tänzelt er nicht wie Pelé, bei Eusébio ist es, als zöge er einen Feuerstreif über das Spielfeld, vor dem all seine Gegner schreckensbleich zurückweichen", heißt es blumig in Hubas "Die Großen im Sturm".

Der "Fußball-Sklave"

Der "Schwarze Panther" war sogar Held einer Comicreihe. Doch adäquat honoriert wurden sein außergewöhnliches Können und seine 316 Tore in 294 Ligaspielen nicht. Auch blieb ihm der soziale Aufstieg versagt. Bis heute steht der Vorwurf im Raum, die Benfica-Bosse hätten ihn regelrecht ausgebeutet, ihn vergleichsweise mit einem Taschengeld abgespeist. Abwanderungsgelüste wurden mit astronomischen Ablöseforderungen gekontert. Dreimal bat der "Fußball-Sklave" (Lexikon berühmter Fußballspieler) Staatspräsident Salazar, Portugal verlassen zu dürfen. Drei Mal wurde das Gesuch abgeschmettert: Eusébio gehöre dem portugiesischen Volk.

"Neger in der Diktatur der Weißen"

Die unwürdige Behandlung des Topstars wird in dem Nachschlagewerk "Jahrhundert-Fußball im Fußball-Jahrhundert" drastisch kommentiert: "Nichts war der Neger in einer Diktatur der Weißen, der dumme Junge war er, der traurige Clown im Zirkus, der Gefangene im goldenen Käfig." Der König ohne Reich sah das selbst nie so: "Benfica ist mein Leben, Eusébio und Benfica, Benfica und Eusébio gehören einfach zusammen."

Erst als er seinen Zenit überschritten hatte, ließ man ihn gehen. Eusébio begab sich auf Tingeltour durch Nord- und Mittelamerika. Bei den New Jersey Americans beendete er 1978 seine aktive Karriere. Später arbeitete er als Funktionär und Berater für Benfica. Von 1985 bis 1992 war er Co-Trainer der portugiesischen Nationalmannschaft. Zudem repräsentierte er den portugiesischen Fußball und besuchte in dieser Funktion auch die WM 2006 in Deutschland.

Figo: "Der Allergrößte"

In seinen letzten Lebensjahren hatte Eusébio immer häufiger mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Während der EURO 2012 in Polen und der Ukraine erlitt er einen leichten Schlaganfall. Am 5. Januar 2014 starb er im Alter von 71 Jahren an einem Herzstillstand. Die portugiesische Regierung ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach würdigte ihn mit den Worten: "Er war einer der größten Fußballer aller Zeiten. Ich hatte das Glück, ihn persönlich kennenzulernen. Er hat mich nicht nur als Sportler, sondern auch als Mensch mit seiner Geschichte beeindruckt." Portugals Ex- Weltklassespieler Luis Figo twitterte ein Foto von sich und Eusébio mit dem Text: "Der König! Ein großer Verlust für uns alle. Der Allergrößte!"
Frank Menke

Montage mehrerer Fotos von und zu Garrincha: Im Spiel; nach dem Finale von 1962und mit einem seiner Kinder. Fotos: dpa; Montage: ARD

Oben: Eusebio beim Kopfball im Halbfinalspiel gegen England. Portugal verliert 1:2 gegen den späteren Weltmeister und scheidet aus.

Unten: 2004 - wieder ein enttäuschter Eusebio, weil Portugal als Gastgeber der Europameisterschaft das Finale gegen Griechenland verliert.

Rechts: Eusebio 1968 bei der Ehrung von Europas Torjägern des Jahres.

Zur Person

Name:
Eusébio Ferreira da Silva
Geboren:
ca. 25. Januar 1942 in Lourenco Marques (heute Maputo) / Mosambik
Gestorben:
05. Januar 2014 in Lissabon

Karriere-Highlights

  • WM-Dritter 1966
  • WM 1966 - Torschützenkönig und bester Spieler des Turniers
  • Europapokalsieger der Landesmeister 1962
  • Portugiesischer Meister 1961, 1963 - 1965, 1967 - 1969, 1971 - 1973 und 1975
  • Portugiesischer Pokalsieger 1962, 1964, 1969, 1970 und 1972
  • Europas Fußballer des Jahres 1965
  • Europas Torschütze des Jahres 1968
  • Portugals Fußballer des Jahres 1970 und 1973
  • Aufnahme in die FIFA 100 2004