Paolo Rossi

Vom Schurken zum Nationalhelden

Es war die vielleicht spektakulärste Rache, die ein Fußballer je genommen hat. Zermürbt nach einer Sperre wegen Totobetrugs und entnervt von Gerüchten um seine angebliche Homosexualität schoss Paolo Rossi zurück - mit dem Ball. Nach anfänglicher Ladehemmung traf er bei der WM 1982 sechs Mal. Italien wurde Weltmeister, Rossi zudem Torschützenkönig.

Paolo Rossis Auftritt auf der WM-Bühne 1982 ist eines der schönsten Märchen, das der Fußball geschrieben hat. Und es ist auch noch wahr. Nur drei Meisterschaftspartien Spielpraxis hatte er vor dem Turnier. Zwei Jahre war der Perugia-Stürmer gesperrt gewesen. Rossi und weitere Akteure sollen das Spiel Avellino gegen Perugia (2:2) verschoben haben, zu dem er zwei Treffer beisteuerte. Er wusch trotz Verurteilung seine Hände in Unschuld: "Ich, und für lumpige zwei Millionen Lire ein Spiel, meine Ehre verkaufen!? Merkt ihr nicht selbst, wie absurd das ist?" Nur etwa umgerechnet 4.000 Mark Bestechungsgeld mutete in der Tat seltsam an.

Verhältnis mit Verteidiger Cabrini?

Ungeachtet dessen nahm ihn Nationalcoach Bearzot mit zur WM in Spanien. Rossis Mission schien unter keinem guten Stern zu stehen. Tore in der Vorrunde: Fehlanzeige. Auch im Zwischenrundenspiel gegen Argentinien traf "Pablito" nicht. Die italienischen Boulevardblätter nutzten die Ladehemmung auf ihre Weise zur Auflagensteigerung. Genüsslich spekulierten sie über ein homosexuelles Verhältnis zwischen Rossi und Verteidiger Antonio Cabrini. Die "Squadra Azzurra" reagierte mit Presseboykott und die "Badische Zeitung" zitierte Rossi so: "Von solcher Art der Berichterstattung habe ich jetzt endgültig die Schnauze voll."

Sechs Tore in drei Spielen

Offenbar hatte er auch vor lauter Wut in Adrenalin gebadet. Denn jetzt platzte der Knoten. Mit drei Treffern schoss er Favorit Brasilien beim 3:2-Sieg alleine aus dem Turnier. Im Halbfinale gegen Polen waren es wieder zwei Rossi-Treffer, die den 2:0-Sieg brachten. Auch Deutschlands 1:3-Niederlage im Finale leitete er mit seinem Tor zum 1:0 ein. Überwältigt von seinen Gefühlen strahlte Rossi, jetzt Nationalheld: "Ich bin der glücklichste Mensch der Welt. Der Gewinn des Weltmeisterschaftstitels ist für mich eine unvergessliche Freude und ein Ersatz für das Leiden der letzten zwei Jahre."

Cleverer Geschäftsmann

20 Tore hat Rossi in seinen 48 Länderspielen erzielt. Eine Gala wie bei der WM ‘82 gelang ihm nie mehr, wenngleich er mit Juve noch den Europapokal der Landesmeister und Pokalsieger gewann. Zeitweise galt er sogar als bestbezahlter Fußballer der Welt. Schon während seiner Sperre war er nicht untätig geblieben. Mit Skistar Gustav Thöni gründete er eine Sportbekleidungsfirma. Gutes Geld verdiente er auch mit einer Werbeagentur, einer Immobilienfirma, in der Werbung und als Co-Kommentator für den italienischen Sender RAI.

Frank Menke

Montage mehrerer Fotos von Paolo Rossi: Oben eine Spielszene; Unten: Rossi freut sich mit einem Mitspieler über ein Tor; rechts unten hält er triumphierend den WM-Pokal in den Händen. Fotos: dpa; Montage: ARD

Paolo Rossi stürmt auf den brasilianischen Torwart Peres zu. Am Ende der Vorrunden-Begegnung steht es 3:2 für Italien - alle drei Treffer für Italien erzielte Rossi.

Unten: Rossi und Mitspieler (l.) sowie Rossi mit dem WM-Pokal, den Italien ohne ihn wohl kaum aus Spanien nach Hause gebracht hätte.

Zur Person

Name:
Paolo Rossi
Geboren:
23.09.1956 in Prato

Karriere-Highlights

  • Weltmeister 1982
  • WM-Dritter 1978
  • Sieger Europapokal der Landesmeister 1985
  • Sieger Europacup der Pokalsieger 1984
  • Italienischer Meister 1982, 1984
  • Weltfußballer und Europas Fußballer des Jahres 1982
  • Italiens Fußballer des Jahres 1978