Diego Maradona

Mal Genie, mal nur Wahnsinn

Kaum ein Fußballer von Weltrang lebte und lebt den Grat zwischen Genie und Wahnsinn so intensiv wie Diego Armando Maradona. Der beste argentinische Fußballer aller Zeiten, der Superstar der WM 1986, konnte jeden Gegner auch im Alleingang bezwingen - nur eben sich selbst nicht immer.

"Ich danke Gott, dass Maradona ein Argentinier ist", sagte Argentiniens Nationalcoach Carlos Bilardo nach dem WM-Gewinn 1986. Tatsächlich schien der Herrgott persönlich den Ball zu führen -  zuweilen auch mit seiner Hand -, wenn Diego Maradona in der Höhenluft Mexikos zum Höhenflug ansetzte. Mit seinen beiden Toren zum 2:1-Viertelfinalsieg über England rächte er die Schmach des verlorenen Falkland-Krieges und stieg zum Nationalhelden auf. Dank des WM-Titels für Argentinien wurde er für seine Landsleute förmlich zu einem Gott. Doch im wahren Leben wirkte Maradona häufig wie von Gott verlassen.

"Ein schwächliches Kind"

"Maradona war nie der Diktator, der er gerne gewesen wäre. Er war ein schwächliches Kind, das Kritik und die ständige Präsenz im Scheinwerferlicht nicht ertrug", analysierte einst der Zürcher "Sport". Der geniale Regisseur griff auch zum Kokain, um die innere Leere auszufüllen, um das Rampenlicht wieder anzuzünden, wenn das Spiel längst abgepfiffen war. Beim FC Barcelona, gab er zu, habe er die Droge 1982 erstmals ausprobiert. 1995 sagte er: "Ich war, bin und werde immer drogenabhängig sein."

Ein Skandal jagt den nächsten

Lange Jahre war der Mann, zu dessen Vorstellung beim SSC Neapel 1984 80.000 Zuschauer pilgerten, obwohl gar kein Spiel stattfand, ein körperliches und psychisches Wrack. Schlagzeilen machte er meist nur noch mit Drogenexzessen, Entziehungskuren, Steuerproblemen und schaurigsten Kapriolen. Mal schoß er mit einem Luftgewehr auf Journalisten, mal zogen Polizisten Maradona bedröhnt aus dem Auto. Seine Prunkhochzeit ließ er sich eine Million Euro kosten, wegen Kokainbesitzes wurde er zu Bewährungsstrafen verurteilt, in Italien zur "persona non grata" erklärt. Er ließ sich den Magen verkleinern, um seiner Maßlosigkeit Herr zu werden. Dann wieder zeigte er sich als 120-Kilo-Pummelchen fröhlich an der Seite seines Freundes Fidel Castro.

Eigenes Denkmal vom Sockel gestoßen

Berauscht wohl auch von Allmachtsphantasien fehlte er unentschuldigt beim Training und sogar bei Spielen. Er meldete sich krank, wenn es ihm gerade passte, legte sich mit Trainern und Vereinsbossen an und widmete sich ganz der Demontage des eigenen Denkmals. Ein besonders unrühmlicher Höhepunkt war die WM 1994, als er des Dopings überführt wurde und damit die Chance verspielte, Rekordspieler aller Weltmeisterschaften zu werden. Die vermeintlich Schuldigen waren schnell ausgemacht: Maradona witterte Verschwörung im Spiel, klagte die FIFA an. FIFA-Boss Joseph Blatter sprach resigniert von "einer menschlichen Tragödie".

Radikale politische Ansichten

Im Jahr 2005 beendete Maradona seine aktive Karriere endgültig. In der Folge fiel er vor allem durch linksextreme politische Ansichten auf, insbesondere mit anti-amerikanischen Parolen und Beschimpfungen gegen Ex-US-Präsident George W. Bush. Der serbische Regisseur Emir Kusturica hat das in seinem 2006 gedrehten Dokumentarfilm "Maradona by Kusturica" eindrucksvoll festgehalten.

Von DFB-Team gedemütigt

Auf die Fußballbühne kehrte Maradona im Oktober 2008 zurück - als Nationaltrainer Argentiniens. Nachdem die Albiceleste unter seiner Führung mit Ach und Krach die Qualifikation zur WM 2010 geschafft hatte, schlug für Maradona die Stunde der Rache. Mit Aussagen weit unterhalb der Gürtellinie rechnete er auf einer Pressekonferenz in vulgärster Weise mit seinen Kritikern ab und sorgte wieder einmal für einen Riesenskandal. Nach dem 0:4-Desaster im WM-Viertelfinale gegen Deutschland wurde er als Nationaltrainer entlassen.

Verehrt wie ein Gott

Trotz aller Eskapaden verehren ihn seine Anhänger wie einen Heiligen, mitunter sogar wie einen Gott. Im argentinischen Rosario begründeten Fans so etwas wie eine neue Religion, die "Iglesia Maradoniana", zu deutsch: die Kirche des Maradona. Für deren "Jünger" ist Diego "D10S", wobei Dios das spanische Wort für Gott ist und die 10 für seine Rückennummer steht.

Ex-Fußballstar Eric Cantona behauptete einmal: "Im Laufe der Zeit wird man sagen, dass Maradona für den Fußball das war, was Rimbaud für die Dichtkunst und Mozart für die Musik war." Doch zuweilen sieht es so aus, als sei Maradona so etwas Ähnliches wie das, was Klaus Kinski für den deutschen Film war.

Frank Menke

Montage dreier Fotos von Maradona: Oben eine Spielszene. Darunter Maradona bei der Gala zum 100. Geburtstag der Boca Juniors. Daneben eine  Abbildung der Wade von Maradona mit dem auftätowierten Porträt vin Fidel Castro.Fotos:dpa; Montage: ARD

Oben: Maradona beim ersten Gruppenspiel Argentiniens gegen Südkorea.

Unten: Maradona bei der Gala zum 100. Geburtstag "seines" Vereins Boca Juniors im April 2005. Daneben Maradonas Unterschenkel mit dem Tattoo von Freund Fidel Castro.

Zur Person

Name:
Diego Armando Maradona
Geboren:
30.10.1960 in Villa Fiorito

Karriere-Highlights

  • Weltmeister 1986
  • Vize-Weltmeister 1990
  • Südamerika-Meister 1983, 1987, 1989
  • UEFA-Cup-Sieger 1989
  • Argentinischer Meister 1981
  • Italienischer Meister 1987, 1990
  • Italienischer Pokalsieger 1987
  • Spanischer Pokalsieger 1983
  • Südamerikas Fußballer des Jahres 1979, 1980, 1986, 1989, 1990, 1992
  • Weltsportler des Jahres 1986
  • Bester argentinischer Spieler aller Zeiten (Ehrung: 1993)