Gary Lineker

Mr. Nice Guy

Gary Lineker, mit sechs Treffern WM-Torschützenkönig 1986, gewann keinen großen Titel. Und doch hat der Brite etwas wohl Einmaliges geschafft. In seinen über 600 Pflichtspielen sah "Mr. Nice Guy" nicht ein einziges Mal eine Gelbe oder Rote Karte!

Dass einer im Laufe seiner eineinhalb Jahrzehnte währenden Fußballerkarriere nicht ein Mal vom Platz gestellt oder doch zumindest verwarnt worden war, gab Linekers Fans wie Profikollegen gleichermaßen Rätsel auf. "Ein Spieler seiner Klasse wird doch von den Verteidigern gejagt. Unglaublich, sich nicht provozieren zu lassen", schüttelte Heißsporn Stefan Effenberg verständnislos den Kopf. Vielleicht ist die Wahrheit ganz einfach: Womöglich hatte es Lineker nicht nötig, seine Gegner zu foulen und dürfte es so zum wohl fairsten Spieler aller Zeiten gebracht haben.

Ein Mann mit vielen Talenten

Lineker hatte schon als Jugendlicher viele Talente und Interessen. Hätte der Knirps 1969 das FA-Cup-Finale seines Klubs Leicester gegen Manchester City nicht im Wembley-Stadion live gesehen, wäre er vielleicht in der Leichtathletik, am Snooker-Tisch oder beim Cricket gelandet. Sein erstes großes Profijahr legte er in der Saison 1984/85 beim FC Everton hin. Mit 30 Treffern wurde er nationaler Torschützenkönig. Und sein Kindheitstraum vom FA-Cup-Gewinn wäre fast Wirklichkeit geworden, als er sein Team mit zehn Treffern bis ins Finale schoss.

Große Nehmerqualitäten

Zum Weltstar avancierte er bei der WM in Mexiko 1986. Der flinke Stürmer bot großartige Vorstellungen. Wer weiß, wie weit die Engländer gekommen wären, hätte Maradona sie im Viertelfinale nicht an "die Hand Gottes" genommen. Dass Lineker auch über Nehmerqualitäten verfügte, bewies er bei der WM in Italien. 1990 schraubte er seine WM-Trefferquote auf neun - und das trotz Rippenbruchs, den er gleich im ersten Spiel erlitten hatte.

Charltons Bestmarke knapp verpasst

Bei der "EURO 92" endete seine Karriere im Nationaltrikot. Wütend warf er die Kapitänsbinde auf den Rasen, als er in seinem 80. Länderspiel gegen Schweden ausgewechselt wurde. Die Reaktion war verständlich. Teammanager Taylor hatte ihn damit um die Chance gebracht, Charltons Bestmarke von 49 Treffern für England zu überbieten. So blieb Lineker bei 48 stehen.

Kicken fürs Überleben seines Sohns

Als der Brite schließlich 1993 von Tottenham in die japanische J-League wechselte, waren die Fans empört - bis sie sein Motiv erfuhren. Linekers Sohn George litt seit der Geburt an Blutkrebs. Seine Überlebenschancen waren in Japan bedeutend besser als in Großbritannien, zumal sich der Klubsponsor an den Therapiekosten beteiligte. Lineker erklärte damals, bei Tottenham verdiene er umgerechnet 400.000 Euro im Jahr, in Japan über drei Millionen in zwei Jahren: "Ich weiß, dass es absurd ist, einem Fußballer so viel Geld zu bezahlen, aber ich spiele nur noch für George."

Weiterbildung statt Exzesse

Für die rüde britische Boulevardpresse war Lineker eine Art Auflagenkiller. Er bot nun mal keinen Stoff für Skandalstorys. Wenn Kollegen wie Paul Gascoigne den Eindruck erweckten, Trinkgelage seien idealerweise die beste Vorbereitung aufs nächste Spiel, bildete sich Lineker weiter. Mit 34 Jahren startete er seine zweite Karriere als TV- und Radioreporter bei der BBC. 1995 moderierte er erstmals die Sendung "Football Focus", später auch ein Quiz. Ein flottes Mundwerk hat er ja anscheinend. Den sensationellen EM-Sieg der Griechen 2004 soll er mit dem Satz kommentiert haben: "Ihr erster großer internationaler Erfolg seit dem Sieg über die Perser." Den gab es im fünften Jahrhundert vor Christus.

Frank Menke

Montage zweier Fotos von Gary Lineker: Links: Lineker läuft auf dem Spielfeld. Rechts: Porträtausschnitt. Fotos:dpa; Montage: ARD

Gary Lineker: 1988 bei der Europameisterschaft in Deutschland und 2005 auf dem Weg zu einer Gerichtsverhandlung; bei dieser musste er sich für einen Artikel verantworten, in dem er den Wechsel von Harry Kewell von Leeds United zu Manchester United attackiert hatte.

Zur Person

Name:
Gary Lineker
Geboren:
30.11.1960 in Leicester

Karriere-Highlights

  • WM-Torschützenkönig 1986
  • Sieger Europapokal der Pokalsieger 1989
  • Spanischer Pokalsieger 1988
  • Englischer Pokalsieger 1991
  • Englischer Torschützenkönig 1986, 1990, 1992
  • FIFA Fair Play Award 1990
  • Member of the British Empire 1992