1970 · Beckenbauer

Halbfinale: 17. Juni 1970, Mexiko City
Mannschaft1 Mannschaft2 Ergebnis
Flagge ItalienItalien gegen Flagge DeutschlandDeutschland4 : 3 n.V.
 

Das Jahrhundertspiel

Der "Kaiser" wankt, aber er fällt nicht. Mit ausgerenkter Schulter steht Franz Beckenbauer ab der 65. Minute das WM-Halbfinale 1970 gegen Italien durch - das Auswechselkontingent ist erschöpft. Mit einer improvisierten Armbandage wird er im "Jahrhundertspiel" zur Symbolfigur jener DFB- Elf, die sich zwar nach 120 Minuten 3:4 geschlagen geben muss, aber nicht besiegt worden ist.

Wenn sogar eine britische Zeitung einem deutschen Fußballer Anerkennung zollt, muss Außergewöhnliches im Spiel sein. "Der Münchner verließ das Feld wie ein verwundeter, besiegter, aber stolzer preußischer Offizier. Einer der größten Spieler dieser WM wurde bei jedem Schritt umjubelt", adelt der "Evening Standard" Beckenbauers Durchhaltevermögen in der 120-minütigen Hitzeschlacht von Mexiko City. Der Verlierer ist der Held - wenngleich ein tragischer.

"Mir wurde schwarz vor Augen"

Dank Boninsegna führt Italien seit der siebten Minute 1:0. In der ominösen 65. Spielminute steht Beckenbauer allein im italienischen Strafraum, hat nur noch Torwart Albertosi vor sich. "Ich holte zum Schuss aus, und in diesem Moment wurde mir schwarz vor Augen. Ein heftiger, stechender Schmerz in der Schulter. Cera hatte mich gelegt", erinnert sich der "Kaiser" in seinem Buch "Meine Gegner - Meine Freunde". Er beißt auf die Zähne, geht jetzt freilich jedem Zweikampf aus dem Weg.

"Lässt du ihn laufen, lachen sie dich aus"

Die Partie ist eigentlich schon vorbei, als ausgerechnet Milan-Legionär Karl-Heinz Schnellinger in der 92. Minute doch noch der Ausgleich gelingt. Verlängerung. "Geht’s, Franz?", fragt Bundestrainer Schön. Es geht, nachdem Mannschaftsarzt und Masseur des "Kaisers" Arm mit Leukoplaststreifen am Körper fixiert haben. Gegenspieler Gianni Rivera sagt später: "Ein gesunder Beckenbauer wäre mir lieber gewesen. Attackierst  du einen verletzten Gegner, schreit alle Welt auf, lässt du ihn laufen, lachen sie dich aus."

Küsse so süß wie von Sophia Loren

Was folgt, ist Legende. Fünf Treffer fallen in der Verlängerung. Müllers Kullertor (94.) bringt Deutschland 2:1 in Führung. Burgnich gleicht drei Minuten später aus. Riva erhöht in der 104. Minute auf 3:2 für Italien, wiederum Müller egalisiert sechs Minuten darauf. Die Entscheidung fällt quasi im Gegenzug, als Rivera das 4:3 gelingt. "Ich ließ mich auf die Knie fallen und umarmen. Und glaubt mir, die Küsse von Riva und Boninsegna schmeckten in diesem Augenblick wie die von Gina Lollobrigida und Sophia Loren", schmunzelt er später.

Schön: "Das war zu viel"

Nach dem Abpfiff taumeln Gewinner und Geschlagene gleichermaßen erschöpft über den Rasen. Bundestrainer Schön ächzt: "Das war zu viel." Die 100.000 Zuschauer im Stadion sind wie die Millionen vor den Fernsehern aus dem Häuschen. Die Gemütslage einer ganzen Nation bringt der SPD-Abgeordnete Hans Hermsdorf anderntags im Bundestag auf den Punkt: "Ich bin vom Fußball völlig ruiniert!" Presse, Rundfunk und Fernsehen sprechen bereits vom "Jahrhundertspiel". Zu Ehren aller Beteiligten wird später eine Gedenktafel vor dem Aztekenstadion aufgestellt, die bis heute an das wohl beste WM-Spiel aller Zeiten erinnert.

Frank Menke

Bildkombo. Oben: Beckenbauer wird sitzend behandelt. Unten: Spielszene: Overath, Platzke und Müller diskutieren mit dem Schiedsrichter nach dem Foul an Beckenbauer, der im Vordergrund am Boden liegt. Fotos: dpa

Oben: Beckenbauer wird auf dem Spielfeld behandelt. Unten: Overath, Platzke und Müller (v.l.) diskutieren mit dem Schiedrichter nach dem Foul an Beckenbauer (vorne).