1970 · Seeler

Viertelfinale: 14. Juni 1970, León
Mannschaft1 Mannschaft2 Ergebnis
Flagge EnglandEngland gegen Flagge DeutschlandDeutschland2 : 3 n.V.
 

"Das ist unser Wembley"

"Die Rechnung ist beglichen!" Die Schlagzeile einer mexikanischen Zeitung brachte die deutsche Gemütslage auf den Punkt. Einen 0:2-Rückstand hatte die Elf von Helmut Schön im WM-Viertelfinale 1970 gegen England in einen 3:2-Triumph nach Verlängerung umgebogen. Und Uwe Seeler gelang bei der Revanche für Wembley 1966 das wohl berühmteste Tor seiner Karriere - per Hinterkopf.

High Noon in Leon! 14. Juni 1970, 12 Uhr mittags. Es ist 50 Grad heiß, als der argentinische Schiedsrichter Coerezza in der dünnen Höhenluft Mexikos das WM-Viertelfinale England - Deutschland anpfeift. Die Partie steht, zumindest aus deutscher Sicht, im Zeichen der Revanche für das verlorene WM-Finale 1966. Doch der Schuss scheint (auch diesmal) nach hinten loszugehen. Nach 49 Minuten führen die Briten nach Treffern von Mullery und Peters 2:0. Aber ein Spiel dauert ja 90 Minuten - und dieses sogar 120.

"Und das Wunderbare passiert ..."

Franz Beckenbauer gibt mit seinem Anschlusstreffer zum 1:2 (69.) das Signal zur Aufholjagd. Dann die 82. Minute: Schnellinger schlägt von rechts eine Flanke in den englischen Strafraum. Was dann passiert, schildert Uwe Seeler in seinem Buch "Danke, Fußball" so: "Ich springe dem anfliegenden Ball entgegen. Er landet dort, wo ich relativ wenig Haare habe. Auf meinem Hinterkopf. Ich lasse mich leicht ins Kreuz fallen und schiebe den Kopf unter den Ball, schnelle hoch. Und das Wunderbare passiert: Der Ball landet dort, wo er hingehört. Im oberen linken Tor-Eck." 2:2 - Verlängerung also: Und als es in der 108. Minute wieder einmal "müllert", ist die Rache für Wembley doch noch geglückt.

"Viele wünschen sich, dass ich zusammenbreche"

Für Seeler dürfte es eine besondere Genugtuung sein. Erst im September 1969 ist er auf Drängen von Bundestrainer Schön in die Nationalelf zurückgekehrt. Nach Ansicht vieler Kritiker ein Fehlgriff:  Zu alt, zu verschlissen sei der 33-jährige Stürmer, um im heißen Mexiko die Kräfte raubende Rolle einer zurückhängenden Spitze zu spielen. Er passe auch nicht mit Gerd Müller zusammen. Doch "Uns Uwe" mag sich zum Ende seiner Karriere nicht blamieren. "Viele wünschen sich, dass ich irgendwann im Spiel zusammenbreche. Sie wollen Recht behalten mit ihrer Meinung, dass der Seeler das nicht spielen kann. Aber ich werde ihnen diesen Gefallen nicht tun", diktiert er den Journalisten in die Blöcke.

Seeler prophetisch: "Heute ist unser Wembley"

Und nicht nur mit dieser Aussage soll Seeler Recht behalten. "No chance. Today is our Wembley" - "Ihr habt keine Chance. Heute ist unser Wembley", prophezeit der Hamburger seinem Kontrahenten Geoff Hurst schon vor dem Anpfiff des Viertelfinals. Und da es auch dank Seelers (Hinter-)Köpfchen dazu kommt, ist der Weg frei für eine Begegnung, die das England-Spiel an Dramatik noch um ein Vielfaches überbieten wird: für das Halbfinale Italien - Deutschland. Es geht  als "Jahrhundertspiel" in die Fußballgeschichte ein und beschert Seeler seinen 21. WM-Einsatz. Ein Rekord, den erst sehr viel später ein gewisser Lothar Matthäus brechen wird.

Frank Menke

Bildkombo. Oben: Der englische Torhüter Bonetti kann Seelers Hinterkopfballtor nicht halten. Rechts: Englische Pressestimmen mit den Aussagen: Wir geben es einfach weg und: Entthront. Darunter Spieler der englischen Nationalmannschaft in der Pause zwischen regulärer Spielzeit und Verlängerung. Fotos: dpa

Oben: Der englische Torhüter Bonetti hat gegenüber Seelers kuriosem Hinterkopfball das Nachsehen. Rechts: britische Pressestimmen zum Spiel.
Unten: Englands Torhüter Peter Bonetti (links) und Brian Labone (rechts) in der Pause zur Verlängerung. Im Hintergrund Kapitän Bobby Moore.