1990 · Milla/Higuita

Achtelfinale: 23. Juni 1990, Neapel
Mannschaft1 Mannschaft2 Ergebnis
Flagge KamerunKamerungegen Flagge KolumbienKolumbien2 : 1 n.V.
 

"Opa" trifft "Verrückten"

Der "Opa" feiert jedes Tor mit einem Lambada-Tänzchen an der Eckfahne. Der "Verrückte" ist eigentlich Torwart, stürmt aber auch schon mal in die gegnerische Hälfte. Im WM-Achtelfinale 1990 treffen Kameruns Volksheld Roger Milla (38) und Kolumbiens Keeper René Higuita aufeinander. Und was der Südamerikaner dabei erlebt, ist für ihn wirklich zum verrückt werden.

Warum er "El Loco" (Der Verrückte) gerufen wird, demonstriert René Higuita in der 109. Minute der Partie. Wieder einmal unternimmt der kolumbianische Torhüter einen Ausflug in Richtung des gegnerischen Strafraums. Kameruns WM-Held Roger Milla tänzelt ihm entgegen, spitzelt ihm den Ball vom Fuß und macht das entscheidende Tor zum 2:0 für die Afrikaner. Während Milla seinen zweiten Treffer in diesem Spiel traditionell mit einer Lambada-Einlage an der Eckfahne zelebriert, umarmen die Menschen in seiner Heimat ihre Fernseher, küssen die Bildschirme ab, tanzen auf den Straßen.

Auch England fast bezwungen

Die "unbezwingbaren Löwen" Afrikas sind die eigentliche Sensation der WM 1990. Sie stellen die Fußballwelt auf den Kopf - zumindest fast. Sogar im Viertelfinale führen sie gegen das große England 2:1. In der 82. Minute vergibt Omam das 3:1 und damit die Entscheidung. Zwei Elfmeter von Lineker (83., 105.) stürzen Kamerun noch aus allen Träumen. Trotzdem haben Milla & Co. allen Grund zu feiern: Niemals zuvor ist eine afrikanische Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft so weit gekommen.

Staatspräsident greift zum Telefon

Der (Groß-)Vater dieses Erfolgs, daran gibt es keinen Zweifel, heißt Roger Milla. Kameruns Staatspräsident Paul Biya greift selber zum Telefon, um den Fußball-Rentner aus dem Ruhestand ins Nationalteam zu beordern. Der Beginn eines Märchens: Afrikas Fußballer des Jahres 1976(!) erzielt bei der WM in Italien vier Tore. Er wird der erste Fußballer des schwarzen Kontinents, der an drei Weltmeisterschaften teilnimmt. Denn nach 1982 und ‘90 ist er auch 1994 in den USA am Ball. Dank seines Treffers gegen Russland wird er mit 42 Jahren zum ältesten WM-Torschützen aller Zeiten.

Irrer Skorpion-Trick

Übrigens: Obwohl von Milla so brutal vorgeführt, erweist sich Harakiri-Keeper Higuita als fairer Verlierer. "Das geht auf meine Kappe", gibt er nach seinem bösen Fauxpas unumwunden zu. Eine Lehre aber zieht der Paradiesvogel aus dem Desaster: "Ich werde in Zukunft aufmerksamer sein. Eine solch negative Erfahrung fehlte mir bisher." Was ihn allerdings nicht davon abhält, zuweilen seinen berüchtigten "Skorpion-Trick" zu zeigen. Bei dessen Premiere 1995 trauen die Zuschauer im Wembley-Stadion ihren Augen nicht. Higuita entschärft einen Distanzschuss, indem er sich  auf der Torlinie nach vorne wirft und den Ball mit den Hacken ins Feld zurück befördert.

Fünf Gesichts-Operationen für TV-Show

2004 wird der Kindheitsfreund von Pablo Escobar, dem Ex-Chef des Medellin-Drogenkartells,  zum wiederholten Male des Kokainkonsums überführt. Sein Club Aucas beurlaubt ihn, zudem verliert er seinen Job als Torwarttrainer Ecuadors. Doch der Keeper steckt den Kopf nicht in den Sand – er legt ihn auf den Operationstisch. Für die Reality-TV-Show "Cambio Extremo" - zu deutsch "Extreme Veränderung" – lässt der damals 38-Jährige fünf Gesichtsoperationen an sich vornehmen. Total verrückt – und typisch Higuita. Sein Abschiedsspiel gab er 43-jährig am 24. Januar 2010 im Stadion Atanasio Girardot in Medellin.

Frank Menke

Bildkombo. Oben: Der wagemutige kolumbianische Torwart Higuita verliert das Laufduell gegen Kameruns Roger Milla. Unten: die Kameruner Mannschaft verabschiedet sich nach der Niederlage im Viertelfinale gegen England vom Publikum. Fotos: dpa

Oben: Der wagemutige kolumbianische Torwart Higuita verliert das Laufduell gegen Kameruns Roger Milla, nachdem er sich zu weit aus seinem Tor gewagt hatte. Unten: die Mannschaft Kameruns (mit Kapitän Roger Milla in der Mitte) verabschiedet sich nach der Niederlage im Viertelfinale gegen England vom Publikum.